Schultheiss-Quartier

Schon 2013 erwarb der „Mall of Berlin“-Macher Harald Huth das Areal der früheren Schultheiss-Brauerei in Moabit. Nachdem der vorige Investor seine Pläne aufgegeben hatte, errichtet Huths HGHI Gmbh dort mit dem Schultheiss-Quartier eine weitere Shopping Mall (zur Vorgeschichte des jahrelangen Gerangels um die Neubauten auf dem Schultheiss-Areal findet man bei Moabit Online ausführliche Informationen).

Viele Fotos vom Baugeschehen habe ich leider nicht, die Bauzäune verhinderten den freien Blick auf den Tiefbau.

2015 begannen dann tatsächlich die Bauarbeiten, die unschönen Nachkriegsflachbauten an der Turmstraße, die einst den Turm-Palast beherbergten, mussten weichen. Ihre Stelle nimmt jetzt ein recht massiver Neubau ein. Hier wird sich der Haupteingang zum künftigen Einkaufszentrum befinden, die oberen Etagen werden ein Hotel aufnehmen. Außerdem entsteht eine Tiefgarage mit 400 Stellplätzen.

Gelegentlich gibt’s Kranballet, hier: Wenn Kräne einen Kran abbauen

Die übrigen Bauten auf dem Gelände bleiben weitestgehend erhalten, werden aber innen umgebaut, um sie für die neue Nutzung zu ertüchtigen. Entlang der Stromstraße werden damit die historischen Brauereigebäude mit ihrem schlossartigen Charakter weiterhin das Erscheinungsbild prägen. An der Perleberger Straße, dort wo früher die Garagenhöfe etliche Kleingewerbebetriebe beherbergten, entsteht ein neues Bürogebäude.

Alle Fassaden der neu errichteten Gebäude sind nach einem Entwurf des Architekturbüros Max Dudler mit gelben Ziegeln verkleidet, lehnen sich damit im Erscheinungsbild an den alten Bestand an, sind aber nicht historisierend ausgeführt, so dass der Unterschied zwischen Alt und Neu deutlich erkennbar bleibt.

Was uns erspart blieb

Hier eine Sammlung von Entwürfen, die alle nicht zur Ausführung gekommen sind.

Erster Entwurf für HLG von REM+tec Architekten
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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=Xi0GTlak90I

Erster Entwurf für HLG von REM+tec Architekten im Video

Zweiter Entwurf für HLG von Kahlfeldt Architekten, Berlin und Boge Johanssen Architekten, Hamburg
Erster Entwurf für HGHI, der Eckbau hat eine Etage mehr und ist noch größer und massiver geworden (Bild von HGHI)
Der zweite Platz im Wettbewerb für die Fassade ging an Springer Architekten
Wie es nun gebaut wird

Die neuen Fassaden aus gelben Ziegeln hat das Architekturbüro Max Dudler entworfen, das damit einen vom Bauherrn ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat.

Siegerentwurf für die Fassadengestaltung von Max Dudler (Bild von HGHI)

Den heutigen Zustand der Fassaden der Neubauten des noch nicht ganz fertiggestellten Schultheiss-Quartiers zeigen die nachfolgenden Aufnahmen:

Eigentlich so schlecht nicht, wenn auch etwas massiv. Ein wenig hätte man den Kopfbau an der Turmstraße noch gliedern können, um diese Wuchtigkeit abzumildern. Wie es wohl aussehen wird, wenn die Baustellenzäune erst einmal weggeräumt sind und die Lichtreklamen der Insassen des Konsumtempels die klare Fassade verunstalten? Und die Bäume fehlen, die vorher an der Stromstraße standen.

Seltsames

Im früheren Sudhaus der Brauerei war bis 2015 die Gaststätte Sudhaus angesiedelt, zu deren Inventar bis zuletzt auch die beiden großen kupfernen Sudkessel der Brauerei gehörten.

Sudkessel der Schultheiss-Brauerei Moabit in der Gaststätte Sudhaus (Bild von der Facebook-Seite)

Das Sudhaus war in den 1970er und 1980er Jahren ein beliebter Ort für Musikveranstaltungen. Wie man der abgebildeten Ansichtskarte unschwer entnehmen kann, war es oft rappelvoll. Ich selbst habe dort seinerzeit den Auftritt der englischen Pop-Band The Equals erlebt. Ab 1990 wurde es als Restaurant betrieben.

Sudhaus
Ansichtskarte Sudhaus aus den 1980er Jahren

Nach der Schließung des Restaurants im April 2015 sind unter bis heute ungeklärten Umständen die großen, denkmalgeschützten Kupferkessel verschwunden (nach offizieller Lesart am 8.7.2015 gestohlen). Ein Antrag, den Bauherrn aufzufordern, für eine denkmalgerechte Wiederherstellung der Braukessel zu sorgen, wurde im Bezirksamt abschlägig beschieden (siehe Artikel Ein schlechter Scherz: Schultheiss Quartier: Gestohlene Kupferkessel werden nicht ersetzt in der Berliner Woche vom 29.10.2016). Irgendwie kann ich mir nicht so recht vorstellen, wie man zwei riesige, schwere Kupferkessel in einer Nacht ganz unauffällig abmontieren, aus dem Gebäude schaffen und abtransportieren kann. Lohnen täte es sich schon, erhält man doch rund 5 € für ein Kilogramm Kupfer.

Sudhaus Schulheiss-Quartier ohne Sudkessel
So gehen die fehlenden Sudkessel in die Planung für das frühere Sudhaus ein (Bild von Rautenbach Architekten, die HGHI mit der Planung für die Altbauten beauftragt hat)

Der Schriftzug TURM-PALAST sollte erst an das Buchstabenmuseum übergeben werden. Dann entschied der Bauherr, dass er die Buchstaben doch behalten wolle, um sie später selbst auf dem Gelände zu verwenden. Auf Facebook folgt im Dezember 2017 dann auf die Anfrage, warum die Buchstaben nicht im EKZ selbst verwendet und auch nicht ans Buchstabenmuseum übergeben wurden, die Mitteilung: “Da die Buchstaben leider in einem äußerst schlechtem Zustand waren, haben wir uns dagegen entschieden”. Offensichtlich sind die Buchstaben ebenso unerklärlich verschwunden wie die Braukessel.

Kritik

Selbstverständlich gibt es auch an der jetzt realisierten Umsetzung des Schultheiss-Quartiers Kritik. Eine grundsätzliche ist nach wie vor, ob es sinnvoll ist, in Berlin, der Stadt mit den meisten Einkaufszentren (67!) in Deutschland, überhaupt weitere Einkaufszentren zu bauen. Der Stadtplaner Thomas Krüger bezweifelt, dass sich so viele langfristig halten können (Artikel „Langfristig wird es ein Center-Sterben geben“ im Tagesspiegel vom 19.02.2018). Und die Morgenpost schrieb am 09.03.2016 über die „Flaute in der Mall of Berlin“, der Vorzeige-Mall des Herrn Huth.

Auch die 30.000 m² große Fläche für den Einzelhandel wird als viel zu groß kritisiert. Sieht doch der Stadtentwicklungsplan Zentren 2020 mit dem am 18.11.2010 von der BVV Mitte beschlossenen Einzelhandels- und Zentrenkonzept einen Zielkorridor für 2020 von 30.000 bis 35.000 m² für die gesamte Turmstraße vor, wovon 2003 bereits 21.000 m² bestanden (für Details: „Einzelhandels- und Zentrenkonzept Berlin-Mitte“, BSM – Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung mbH, September 2009, Seite 64).

Bemängelt wird auch die Tiefgarage mit ihren 400 Plätzen. Für so manchen ist jeder Stellplatz schon einer zu viel. Viele andere befürchten, dass die hohe Zahl an Stellplätzen mehr Autoverkehr anlocken werde, und zusätzlich die an der Turmstraße gelegen Zufahrt zur Tiefgarage gleich mehrere Probleme verursachen werde. Durch die geplante Straßenbahnline werden Einfahrten in die Tiefgarage nur aus östlicher, Ausfahrten nur in westliche Richtung möglich sein. Autofahrer würden daher die Lübecker Straße als Schleichweg nutzen, so dass zusätzlicher Verkehr durch diese bislang eher ruhige Wohnstraße entstünde. Außerdem träfen die ein- und ausfahrenden Kfz an dieser Stelle auf einen regen Fußgänger- und Radverkehr auf dem durch die Straßenbahntrasse sowieso schon engen Straßenraum.

Eröffnung am 16. August 2018

Am Eröffnungstag musste ich schauen, ob das neue Schultheiss-Quartier sich von innen ähnlich grausam-kitschig darstellt wie das EKZ „Das Schloss“ in Steglitz. Ich befürchtete Arges, wurde aber eher positiv überrascht. Auch innen wird die Gestaltung durch Ziegelsteinoptik bestimmt. Braun-gelb gemischt ergeben die aufgeklebten Riemchen allerdings ein etwas unruhiges Bild, vor allem mit dem Schachbrettmuster des Bodens im mittleren Eingangsbereich.

Zentrumsbereich Erdgeschoss mit Eingängen von der Stromstraße und von der Lieferstraße

Der Kitsch der üblichen Huthschen Geschmacksverirrungen hält sich erfreulich in Grenzen und erstreckt sich im wesentlichen auf Papierkörbe und mit roten Kunstleder bezogene Sitzbänke, die seitlich mit messingfarbenen HGHI-Wappen versehen sind.

Mülleimer und Sitzbänke mit HGHI-Wappen

Auch die großen Messingplatten mit Willkommensgrüßen in mehreren Sprachen und mit Sprüchen Berliner Dichter, die überall in den Boden eingelassen sind, lassen doch ein wenig an die Inneneinrichtung im Steglitzer EKZ denken: Edel und teuer soll es aussehen, wird diesem Anspruch aber nicht wirklich gerecht. Oder warum hat man hier nicht auf eine sorgfältige Typographie gesorgt und verwendet Zoll-Zeichen statt korrekter An- und Abführungszeichen? Und warum sind Kommasetzung und Großschreibung auch nicht korrekt?

Warum nicht „Komm mit, mein Schatz!“?

Insgesamt war’s recht voll bei der Eröffnung. Überall, wo es etwas gratis gab oder zu geben schien, war der Andrang groß und es bildeten sich lange Schlangen.

Was ich wirklich positiv finde: Nach mehr als 20 Jahren Abwesenheit ist Butter Lindner zurück an der Turmstraße.

Nachtrag Oktober 2018

Was wirklich saublöd ist: Es gibt keinen Zugang zum Schultheiss-Quartier von der Perleberger Straße aus. Dass ein solcher wohl vermisst und gesucht wird, zeigt dieser Hinweis:

Wenn man an der Perleberger Straße oder nördlich davon wohnt, ist der nächstgelegene Eingang zum Schultheiss-Quartier der zur Remisengasse. Und der liegt ziemlich weit entfernt von der Perleberger Straße. Will man zum Beispiel bei Kaufland Lebensmittel kaufen, läuft man erst rund hundert Meter die ganze Remisengasse lang nach Süden und dann den gleichen Weg innerhalb des Einkaufszentrums wieder zurück nach Norden. Anschließend darf man dann seinen möglicherweise schweren Einkauf denselben Weg zurück schleppen.

Das macht total mehr als dreihundert Meter Umweg, den viele potentielle Kunden wohl eher nicht in Kauf nehmen werden. Dabei könnte man ja vielleicht einen bislang als Notausgang gekennzeichneten Weg zu einem weiteren Eingang umwidmen.


Schultheiss-Quartier

Turmstraße, Stromstraße, Perleberger Straße,
10559 Berlin
schultheissquartier.de

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4 Antworten auf „Schultheiss-Quartier“

  1. Die Fotos im Abschnitt “Was uns erspart blieb” schau ich mir jetzt ganz oft an, um mich mit dem neuen Center anzufreunden. Grundsätzlich sollte man Center nur noch so bauen dürfen, dass man sie leicht in Büros und Wohnungen umwandeln kann, wenn das große Sterben beginnt.

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