Schultheiss-Quartier

Schon 2013 erwarb der „Mall of Berlin“-Macher Harald Huth das Areal der frühe­ren Schult­heiss-Braue­rei in Moabit. Nach­dem der vorige Inves­tor seine Pläne aufge­ge­ben hatte, errich­tet Huths HGHI Gmbh dort mit dem Schult­heiss-Quar­tier eine weitere Shop­ping Mall (zur Vorge­schichte des jahre­lan­gen Geran­gels um die Neubau­ten auf dem Schult­heiss-Areal findet man bei Moabit Online ausführ­li­che Infor­ma­tio­nen).

Viele Fotos vom Bauge­sche­hen habe ich leider nicht, die Bauzäune verhin­der­ten den freien Blick auf den Tief­bau.

2015 began­nen dann tatsäch­lich die Bauar­bei­ten, die unschö­nen Nach­kriegs­flach­bau­ten an der Turm­straße, die einst den Turm-Palast beher­berg­ten, muss­ten weichen. Ihre Stelle nimmt jetzt ein recht massi­ver Neubau ein. Hier wird sich der Haupt­ein­gang zum künf­ti­gen Einkaufs­zen­trum befin­den, die oberen Etagen werden ein Hotel aufneh­men. Außer­dem entsteht eine Tief­ga­rage mit 400 Stell­plät­zen.

Gele­gent­lich gibt’s Kran­bal­let, hier: Wenn Kräne einen Kran abbauen

Die übri­gen Bauten auf dem Gelände blei­ben weitest­ge­hend erhal­ten, werden aber innen umge­baut, um sie für die neue Nutzung zu ertüch­ti­gen. Entlang der Strom­straße werden damit die histo­ri­schen Braue­rei­ge­bäude mit ihrem schloss­ar­ti­gen Charak­ter weiter­hin das Erschei­nungs­bild prägen. An der Perle­ber­ger Straße, dort wo früher die Gara­gen­höfe etli­che Klein­ge­wer­be­be­triebe beher­berg­ten, entsteht ein neues Büro­ge­bäude.

Alle Fassa­den der neu errich­te­ten Gebäude sind nach einem Entwurf des Archi­tek­tur­bü­ros Max Dudler mit gelben Ziegeln verklei­det, lehnen sich damit im Erschei­nungs­bild an den alten Bestand an, sind aber nicht histo­ri­sie­rend ausge­führt, so dass der Unter­schied zwischen Alt und Neu deut­lich erkenn­bar bleibt.

Was uns erspart blieb

Hier eine Samm­lung von Entwür­fen, die alle nicht zur Ausfüh­rung gekom­men sind.

Erster Entwurf für HLG von REM+tec Archi­tek­ten

Erster Entwurf für HLG von REM+tec Archi­tek­ten im Video

Zwei­ter Entwurf für HLG von Kahl­feldt Archi­tek­ten, Berlin und Boge Johans­sen Archi­tek­ten, Hamburg
Erster Entwurf für HGHI, der Eckbau hat eine Etage mehr und ist noch größer und massi­ver gewor­den (Bild von HGHI)
Der zweite Platz im Wett­be­werb für die Fassade ging an Sprin­ger Archi­tek­ten
Wie es nun gebaut wird

Die neuen Fassa­den aus gelben Ziegeln hat das Archi­tek­tur­büro Max Dudler entwor­fen, das damit einen vom Bauherrn ausge­schrie­be­nen Wett­be­werb gewon­nen hat.

Sieger­ent­wurf für die Fassa­den­ge­stal­tung von Max Dudler (Bild von HGHI)

Den heuti­gen Zustand der Fassa­den der Neubau­ten des noch nicht ganz fertig­ge­stell­ten Schult­heiss-Quar­tiers zeigen die nach­fol­gen­den Aufnah­men:

Eigent­lich so schlecht nicht, wenn auch etwas massiv. Ein wenig hätte man den Kopf­bau an der Turm­straße noch glie­dern können, um diese Wuch­tig­keit abzu­mil­dern. Wie es wohl ausse­hen wird, wenn die Baustel­len­zäune erst einmal wegge­räumt sind und die Licht­re­kla­men der Insas­sen des Konsum­tem­pels die klare Fassade verun­stal­ten? Und die Bäume fehlen, die vorher an der Strom­straße stan­den.

Seltsames

Im frühe­ren Sudhaus der Braue­rei war bis 2015 die Gast­stätte Sudhaus ange­sie­delt, zu deren Inven­tar bis zuletzt auch die beiden großen kupfer­nen Sudkes­sel der Braue­rei gehör­ten.

Sudkes­sel der Schult­heiss-Braue­rei Moabit in der Gast­stätte Sudhaus (Bild von der Face­book-Seite)

Das Sudhaus war in den 1970er und 1980er Jahren ein belieb­ter Ort für Musik­ver­an­stal­tun­gen. Wie man der abge­bil­de­ten Ansichts­karte unschwer entneh­men kann, war es oft rappel­voll. Ich selbst habe dort seiner­zeit den Auftritt der engli­schen Pop-Band The Equals erlebt. Ab 1990 wurde es als Restau­rant betrie­ben.

Sudhaus
Ansichts­karte Sudhaus aus den 1980er Jahren

Nach der Schlie­ßung des Restau­rants im April 2015 sind unter bis heute unge­klär­ten Umstän­den die großen, denk­mal­ge­schütz­ten Kupfer­kes­sel verschwun­den (nach offi­zi­el­ler Lesart am 8.7.2015 gestoh­len). Ein Antrag, den Bauherrn aufzu­for­dern, für eine denk­mal­ge­rechte Wieder­her­stel­lung der Brau­kes­sel zu sorgen, wurde im Bezirks­amt abschlä­gig beschie­den (siehe Arti­kel Ein schlech­ter Scherz: Schult­heiss Quar­tier: Gestoh­lene Kupfer­kes­sel werden nicht ersetzt in der Berli­ner Woche vom 29.10.2016). Irgend­wie kann ich mir nicht so recht vorstel­len, wie man zwei riesige, schwere Kupfer­kes­sel in einer Nacht ganz unauf­fäl­lig abmon­tie­ren, aus dem Gebäude schaf­fen und abtrans­por­tie­ren kann. Lohnen täte es sich schon, erhält man doch rund 5 € für ein Kilo­gramm Kupfer.

Sudhaus Schulheiss-Quartier ohne Sudkessel
So gehen die fehlen­den Sudkes­sel in die Planung für das frühere Sudhaus ein (Bild von Rauten­bach Archi­tek­ten, die HGHI mit der Planung für die Altbau­ten beauf­tragt hat)

Der Schrift­zug TURM-PALAST sollte erst an das Buch­sta­ben­mu­seum über­ge­ben werden. Dann entschied der Bauherr, dass er die Buch­sta­ben doch behal­ten wolle, um sie später selbst auf dem Gelände zu verwen­den. Auf Face­book folgt im Dezem­ber 2017 dann auf die Anfrage, warum die Buch­sta­ben nicht im EKZ selbst verwen­det und auch nicht ans Buch­sta­ben­mu­seum über­ge­ben wurden, die Mittei­lung: „Da die Buch­sta­ben leider in einem äußerst schlech­tem Zustand waren, haben wir uns dage­gen entschie­den”. Offen­sicht­lich sind die Buch­sta­ben ebenso uner­klär­lich verschwun­den wie die Brau­kes­sel.

Kritik

Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch an der jetzt reali­sier­ten Umset­zung des Schult­heiss-Quar­tiers Kritik. Eine grund­sätz­li­che ist nach wie vor, ob es sinn­voll ist, in Berlin, der Stadt mit den meis­ten Einkaufs­zen­tren (67!) in Deutsch­land, über­haupt weitere Einkaufs­zen­tren zu bauen. Der Stadt­pla­ner Thomas Krüger bezwei­felt, dass sich so viele lang­fris­tig halten können (Arti­kel „Lang­fris­tig wird es ein Center-Ster­ben geben“ im Tages­spie­gel vom 19.02.2018). Und die Morgen­post schrieb am 09.03.2016 über die „Flaute in der Mall of Berlin“, der Vorzeige-Mall des Herrn Huth.

Auch die 30.000 m² große Fläche für den Einzel­han­del wird als viel zu groß kriti­siert. Sieht doch der Stadt­ent­wick­lungs­plan Zentren 2020 mit dem am 18.11.2010 von der BVV Mitte beschlos­se­nen Einzel­han­dels- und Zentren­kon­zept einen Ziel­kor­ri­dor für 2020 von 30.000 bis 35.000 m² für die gesamte Turm­straße vor, wovon 2003 bereits 21.000 m² bestan­den (für Details: „Einzel­han­dels- und Zentren­kon­zept Berlin-Mitte“, BSM – Bera­tungs­ge­sell­schaft für Stadt­er­neue­rung und Moder­ni­sie­rung mbH, Septem­ber 2009, Seite 64).

Bemän­gelt wird auch die Tief­ga­rage mit ihren 400 Plät­zen. Für so manchen ist jeder Stell­platz schon einer zu viel. Viele andere befürch­ten, dass die hohe Zahl an Stell­plät­zen mehr Auto­ver­kehr anlo­cken werde, und zusätz­lich die an der Turm­straße gele­gen Zufahrt zur Tief­ga­rage gleich mehrere Probleme verur­sa­chen werde. Durch die geplante Stra­ßen­bahn­line werden Einfahr­ten in die Tief­ga­rage nur aus östli­cher, Ausfahr­ten nur in west­li­che Rich­tung möglich sein. Auto­fah­rer würden daher die Lübe­cker Straße als Schleich­weg nutzen, so dass zusätz­li­cher Verkehr durch diese bislang eher ruhige Wohn­straße entstünde. Außer­dem träfen die ein- und ausfah­ren­den Kfz an dieser Stelle auf einen regen Fußgän­ger- und Radver­kehr auf dem durch die Stra­ßen­bahn­trasse sowieso schon engen Stra­ßen­raum.

Eröffnung am 16. August 2018

Am Eröff­nungs­tag musste ich schauen, ob das neue Schult­heiss-Quar­tier sich von innen ähnlich grau­sam-kitschig darstellt wie das EKZDas Schloss“ in Steglitz. Ich befürch­tete Arges, wurde aber eher posi­tiv über­rascht. Auch innen wird die Gestal­tung durch Ziegel­stein­op­tik bestimmt. Braun-gelb gemischt erge­ben die aufge­kleb­ten Riem­chen aller­dings ein etwas unru­hi­ges Bild, vor allem mit dem Schach­brett­mus­ter des Bodens im mitt­le­ren Eingangs­be­reich.

Zentrums­be­reich Erdge­schoss mit Eingän­gen von der Strom­straße und von der Liefer­straße

Der Kitsch der übli­chen Huth­schen Geschmacks­ver­ir­run­gen hält sich erfreu­lich in Gren­zen und erstreckt sich im wesent­li­chen auf Papier­körbe und mit roten Kunst­le­der bezo­gene Sitz­bänke, die seit­lich mit messing­far­be­nen HGHI-Wappen verse­hen sind.

Müll­ei­mer und Sitz­bänke mit HGHI-Wappen

Auch die großen Messing­plat­ten mit Will­kom­mens­grü­ßen in mehre­ren Spra­chen und mit Sprü­chen Berli­ner Dich­ter, die über­all in den Boden einge­las­sen sind, lassen doch ein wenig an die Innen­ein­rich­tung im Steglit­zer EKZ denken: Edel und teuer soll es ausse­hen, wird diesem Anspruch aber nicht wirk­lich gerecht. Oder warum hat man hier nicht auf eine sorg­fäl­tige Typo­gra­phie gesorgt und verwen­det Zoll-Zeichen statt korrek­ter An- und Abfüh­rungs­zei­chen? Und warum sind Komma­set­zung und Groß­schrei­bung auch nicht korrekt?

Warum nicht „Komm mit, mein Schatz!“?

Insge­samt war’s recht voll bei der Eröff­nung. Über­all, wo es etwas gratis gab oder zu geben schien, war der Andrang groß und es bilde­ten sich lange Schlan­gen.

Was ich wirk­lich posi­tiv finde: Nach mehr als 20 Jahren Abwe­sen­heit ist Butter Lind­ner zurück an der Turm­straße.

Nachtrag Oktober 2018

Was wirk­lich saublöd ist: Es gibt keinen Zugang zum Schult­heiss-Quar­tier von der Perle­ber­ger Straße aus. Dass ein solcher wohl vermisst und gesucht wird, zeigt dieser Hinweis:

Wenn man an der Perle­ber­ger Straße oder nörd­lich davon wohnt, ist der nächst­ge­le­gene Eingang zum Schult­heiss-Quar­tier der zur Remi­sen­gasse. Und der liegt ziem­lich weit entfernt von der Perle­ber­ger Straße. Will man zum Beispiel bei Kauf­land Lebens­mit­tel kaufen, läuft man erst rund hundert Meter die ganze Remi­sen­gasse lang nach Süden und dann den glei­chen Weg inner­halb des Einkaufs­zen­trums wieder zurück nach Norden. Anschlie­ßend darf man dann seinen mögli­cher­weise schwe­ren Einkauf densel­ben Weg zurück schlep­pen.

Das macht total mehr als drei­hun­dert Meter Umweg, den viele poten­ti­elle Kunden wohl eher nicht in Kauf nehmen werden. Dabei könnte man ja viel­leicht einen bislang als Notaus­gang gekenn­zeich­ne­ten Weg zu einem weite­ren Eingang umwid­men.


Schultheiss-Quartier

Turmstraße, Stromstraße, Perleberger Straße,
10559 Berlin
schultheissquartier.de

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3 Antworten auf „Schultheiss-Quartier“

  1. Die Fotos im Abschnitt „Was uns erspart blieb” schau ich mir jetzt ganz oft an, um mich mit dem neuen Center anzu­freun­den. Grund­sätz­lich sollte man Center nur noch so bauen dürfen, dass man sie leicht in Büros und Wohnun­gen umwan­deln kann, wenn das große Ster­ben beginnt.

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