Moabit

»Moabit – mon amour« wäre übertrieben, aber gerne lebe ich in meinem Kiez trotzdem. Hier zu leben, ist immer noch nicht schick oder hipp oder cool, so dass Moabit bis heute eine schnöselfreie Zone ist, in die sich Prominente und Wichtigtuer eher selten verirren, und wenn, dann tun sie es meistens nicht freiwillig.

Der Stadtteil Moabit ist eine Insel, deren Grenzen durch Wasserläufe gebildet werden: Die Spree im Süden, der Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal im Osten und Nordosten, der Westhafen-Kanal im Norden und der Charlottenburger Verbindungskanal im Westen. Die Karte zeigt den Zustand um 1900.

stadtplan_moabit

Als ich vor fast dreißig Jahren hierher gezogen bin, lag Moabit am Rande West-Berlins, zählte zum »Norden« und wurde ganz allgemein als unattraktiver Stadtteil mit Industrie, Hafen und Gefängnis und armer Bevölkerung angesehen. Alle, denen ich meinen neuen Wohnort mitteilte, schauten mich bedauernd an, und wenn sie »Wie kann man nur« dachten, konnte ich das förmlich spüren. Heute liegt Moabit wieder im Zentrum der Stadt, nahe am Regierungsviertel und beherbergt immerhin den schicken neuen Hauptbahnhof.

Die Besiedelung Moabits begann am Anfang des 18. Jahrhunderts, als der preußische König Friedrich Wilhelm I. den Hugenotten, die wegen ihres Glaubens aus Frankreich geflohen waren, hier Land zuwies. Wie die Israeliten einst im Lande Moab am Ufer des Jordan auf den Einlass nach Kanaan warteten, warteten die Hugenotten hier nur ein paar Kilometer vor Berlin am Ufer der Spree auf Einlass in die Stadt. Dieser Analogie mit der biblischen Geschichte verdankt der Ort aller Wahrscheinlichkeit nach den Namen »Moabit«.

Moabit war im 19. Jahrhundert eines der Hauptzentren der industriellen Entwicklung Berlins. Schumanns Porzellanfabrik, die Borsig’schen Eisenwerke und das Bolle’sche Milchimperium siedelten sich im Herzen Moabits an. Später entstanden im Westen weitere Industrien, wie die AEG und die Loewe’schen Werke. Als Folge der Industrialisierung explodierte die Bevölkerungszahl von nur 7.000 Einwohnern im Jahr 1860 bis auf unvorstellbare 190.000 im Jahre 1910.

Heute hat Moabit an die 70.000 Einwohner, von denen nahezu ein Drittel einen Migrationshintergrund hat. Einige sind nicht ganz freiwillig hier, denn sie residieren vorübergehend im Untersuchungsgefängnis Moabit. Dank seiner prominenten Insassen von der RAF bis zur DDR-Führungsschicht, die hier im Kriminalgericht ihren Prozess hatten, ist Moabit weit über die Grenzen Berlins hinaus den meisten Deutschen ein Begriff.

Nachtrag April 2008: Harald Martenstein liefert im Tagesspiegel eine nach meinem Dafürhalten nicht in allen Punkten zutreffende, aber trotzdem lesenswerte Beschreibung von Moabit unter dem Titel »Im Trainingsanzug durch Moabit« (mein Dank geht an den nunmehr gelöschten Qyper vati für den Hinweis).

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Eine Antwort auf „Moabit“

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