Paech-Brunnen

An der Kreu­zung von Birken­straße und Stephan­straße mit der verkehrs­ge­plag­ten Strom­straße gibt es eine unschein­bare und etwas verkom­mene Mini-Grün­an­lage. Sogar ein paar Bänke sind hier aufge­stellt, die jedoch – wenn über­haupt – nur von Männern mit Bier­fla­schen besetzt sind. Einst stand auf dem Drei­eck zwischen Birken- und Stephan­straße die Brot­fa­brik der Fami­lie Paech, ein Berli­ner Tradi­ti­ons­un­ter­neh­men.

Werbelyrik

Bekannt war Paech vor allem durch die wunder­bare Gebrauchs­ly­rik, die im alten West-Berlin bis in die 80er Jahre des letz­ten Jahr­hun­derts auf Seiten­strei­fen­pla­ka­ten in U-Bahnen und Bussen mit roter Schrift auf gelbem Grund für die Produkte der Groß­bä­cke­rei warb:

Ganz furcht­bar schimpft der Opapa,
die Oma hat kein Paech-Brot da.
Moral: Für Oma gilt’s wie für die Braut: /​ der Mann ist zahm, der Paech-Brot kaut.

Kuno sprach zu Kuni­gunde:
„Paech-Brot ist in aller Munde!“
Moral: Doch ist’s nicht fein, das gilt für jeden /​ mit Brot von Paech im Mund zu reden.

Ach liebe Mutti, bitte, bitte,
gib mir doch noch ’ne Paech-Brot-Schnitte!
Moral: Selbst Kinder, wenn sie noch so klein /​ nach Paech-Brot sich schon heiser schrein.

Für jeden Sport­freund ist es wich­tig,
wer Paech-Brot tippt, liegt immer rich­tig!
Moral: Du stei­gerst deinen Sport­ver­stand /​ mit einem Paech-Brot in der Hand.

Schin­ken nützt nichts, Wurst und Ei,
fehlt das Paech-Brot dir dabei.
Moral: Dem Fleisch verfal­len oder nicht /​ auf Paech-Brot leiste nie Verzicht.

„Mahl­zeit, Herr Krause, na wie geht’s?“
„Recht gut, ich esse Paech-Brot stets.“
Moral: Die kluge Antwort soll man loben. /​ Wer Paech-Brot ißt, schwimmt immer oben.

Beim Ja-Wort schweigt die junge Braut,
weil sie noch schnell ein Paech-Brot kaut.
Moral: Es gibt doch wichtig’res im Leben /​ als sich verfrüht das Ja-Wort geben.

Und der Orje fragt den Kulle:
„Haste nich ’ne Paech­brot­stulle?“
Moral: Wer sich auf Höflich­keit versteht, /​ der kriegt sein Brot, wo er auch geht.

Berli­ner Luft genie­ßet besser
der gut gelaunte Paech­bro­tes­ser.
Moral: Und hast Du mal ’nen Freund zu Gast, /​ er freut sich, wenn Du Paech-Brot hast.

Und hier die Werbe­sprü­che, bei denen mir noch die »Moral« fehlt (sach­dien­li­che Hinweise bitte als Kommen­tar!):

Haste im Verkehr mal Frust,
mit Paech-Brot kriegste wieder Lust.

Janz wurscht, wat druf­fliecht – eens ist wich­tig:
mit Paech-Brot liechste imma rich­tig!

Paech-Brot gibt es täglich frisch,
aus dem Ofen auf den Tisch.

Beim Rama­dan denkt Yksan Ümel
den ganzen Tag an Paech­brot­krü­mel.

Der letzte Spruch ist wohl erst später entstan­den, nach­dem schon eine größere Zahl türki­scher Gast­ar­bei­ter nach Berlin gekom­men war. Heute würde man wohl eher auf solche Werbe­aus­sa­gen verzich­ten.

Brunnen

Außer den markan­ten Werbe­sprü­chen ist von Paech nicht mehr viel geblie­ben, die Brot­fa­brik geschleift, das Gelände für ein künf­ti­ges Einkaufs­cen­ter planiert, nur der Schorn­stein steht noch. Aber halt: In der Grün­an­lage auf der Spitze des Drei­ecks steht ein Brun­nen, gestif­tet von Paech, als die Fabrik noch produ­zierte.

Paech-Brunnen

In einem in den Boden einge­las­se­nen Becken aus Beton steht eine 2,40 Meter hohe Bron­ze­plas­tik der Künst­le­rin Brigitte Haacke-Stamm. Zwei lebens­große Frauen sitzen sich gegen­über, die eine mit einem Kind auf dem Rücken, das in seinen Händen Bröt­chen trägt, die andere mit einer Katze auf dem Rücken, die einen Fisch im Maul hält, und Brot auf den Knien. Die Forel­len, die ringsum ange­bracht sind, speien schon lange kein Wasser mehr, die Plas­tik ist beschmiert, und im Becken sammelt sich der Müll. Ein trau­ri­ger Anblick. Eine kleine Bron­ze­ta­fel am Fuße des Brun­nens verrät: »Paech Brun­nen • 1980 • Brot – ein Segen der Erde«. Er ist auch als »Brot­brun­nen« bekannt.

Paech-Brunnen

Nachtrag April 2004:

Nun ist er plötz­lich weg, der Brun­nen, nur noch das leere Becken ist übrig. Das kleine Drei­eck, auf dem der Brot­brun­nen stand, ist einge­zäunt und Teil der großen Baustelle auf dem Paech-Brot-Gelände gewor­den.

Peach-Brunnen weg-2009-DSCF1117

Nachtrag November 2010:

Jetzt ist der Brun­nen wieder aufge­stellt, und zwar hinter der Moa-Bogen vor dem »Bürs­ten­haus«.

Peach-Brunnen-DSC_7051

Nachtrag November 2015:

Jeder Spruch hatte auch eine zuge­hö­rige Moral, ich danke meinen aufmerk­sa­men Lesern (siehe Kommen­tare) für entspre­chende Hinweise. Einige der „Moral-Ergän­zun­gen” fehlen noch, ich bin dank­bar für jeden weite­ren Hinweis, damit die Samm­lung möglichst komplett wird.

Nachtrag September 2018:

Neben dem Brun­nen steht jetzt eine schwarz glän­zende Kiste, auf der einige der Paech-Brot-Sprü­che zu finden sind. Es ist aller­dings erschre­ckend, wie schlud­rig hier die Typo­gra­phie besorgt wurde (von der Gestal­tung mal abge­se­hen):

Und wer sich jetzt wundert, warum ich über falsche Apostro­phe meckere, der sei auf Typefacts verwie­sen.


Birken­straße, Ecke Strom­straße, 10559 Berlin
Bewerte diesen Beitrag
[Gesamt: 1, Durch­schnitt: 5]

35 Antworten auf „Paech-Brunnen“

  1. Lieber Autor..

    ich kann dem geschrie­ben nur zustim­men. ich selber bin in der Putlitz­straße aufge­wach­sen. Mein Opa arbei­tete bei Peach und ich kann mich gut erin­nern an den Tag, als der Brun­nen mit einem schö­nen Stra­ßen­fest eröff­net wurde.
    Warum muss eigent­lich immer alles verkommen..schade eigent­lich. Gestern fuhr ich voller Entsetz­ten an dem brach­lie­gen­den Grund­stück der ehem. Peach-Fabrik vorbei, da nun auch der Schorn­stein abge­ris­sen wurde. Ich hatte gedacht, dass wenigs­tens dieser stehen bleibt. Weiß jemand warum er so lange übrig­ge­las­sen wurde und dann doch dem Baukran zum Opfer fiel?

    1. Der Schorn­stein sollte wohl gesprengt werden, was wohl nicht ging, darauf­hin musste er Stein für Stein abge­tra­gen werden, was wohl nicht so einfach war, da ein großer Spezi­al­kran dazu nötig war.

  2. von den og. Sprü­chen sind mir auch noch einige in Erin­ne­rung, vor allem der letzte mit Orje und Kulle.
    Schöne Geschichte seine eigene Geschichte mal wieder zu durch­fors­ten.

  3. Schade, dass Brun­nen und Schorn­stein jetzt weg sind! Wohne erst seit 3 Jahren um die Ecke und den Schorn­stein hab ich rich­tig lieb gewon­nen 🙂 Soweit ich von dem Bauplan gehört /​ gele­sen habe, soll der Brun­nen wieder aufge­baut werden!

    Wenn ich schon meinen Lieb­lings­schorn­stein (im Winter mit Lich­ter­gir­lande) nie wieder sehe, dann doch hoffent­lich ab dem Winter wieder diesen schö­nen Brun­nen!

    http://​www​.stephank​iez​.de/​w​i​k​i​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​t​i​t​l​e​=​P​a​e​c​h​-​B​r​o​t​-​A​r​eal

  4. Der Opa schimpft der Omama, denn is gibt kein Paech Brot da!”

    Als 19 jaerige Ameri­ka­ner kam ich erst nach Berlin im 1961 und Deut­sche und Berli­ner Redens­ar­ten waren mir fremd, aber die obrige ist mir vom Steg­li­zem Stras­sen­bahn geblie­ben. Der Stras­sen­bahn war sofort weg, aber Paech-Brot blieb laen­ger. Heute, im Stieftocher’s Las Vegas Haus heize ich deswe­gen jetzt aber Opa, und meine Frau ist Opa’s Grandma zu dem Enkeln. Die Klei­nen haben sonst zufiele grand­mas and grand­pas. Die Redens­ar­ten sind immer­noch fremd. ..rb..

  5. Die Sprü­che sind einzig­ar­tig auf ihre weise. Sie haben sich in vielen Köpfen einge­brannt wie mir scheint und es ist schon inter­es­sant sie nun noch einmal alle zu lesen. Ebenso wie die Geschichte für die zukünf­tige Nutzung des Gelän­des und dem eins­ti­gen Abriss des Gebäu­des. So geht ein weite­res Stück Berli­ner Geschichte zuende, vermut­lich geschei­tert an der Verei­ni­gung von Ost & West und der zuneh­men­den Globa­li­sie­rung dank derer man nun Knob­lauch aus China für 49 Cent im Super­markt des Vertrau­ens bekommt.

    Achja, die „Reime” beglei­te­ten mich durch meine Kind­heit in der U-Bahn. Ich habe sie nie verges­sen.

  6. Den Brun­nen habe ich vorges­tern wieder gese­hen auf einem klei­nen Trans­por­ter und ich freue mich das es „Ihn” noch gibt und er mit in den Bau einge­bun­den wird freu*

  7. eine frage die habe ich noch ..gibt es noch bilder von der Peach­brot­fa­brik vom Inneren..also Betriebsräume(Produktion) o.ä? ich habe mal versucht da mal zu reachie­ren aber nix brach­ba­res gefunden..es wäre cool wenn es davon irgend­wel­che bilder oder filme zu sehen gibt/​gäbe

  8. Mein Vater erfreut uns noch heute mit paech Brot Sprü­chen. Es ist eine Freude diese Sprü­che hier zu finden . Dachte schon nur die Ärzte kennen dieses sprach­gut.

  9. Guten Tag, Herr Krause, na wie geht’s? Danke gut, ich esse Paech-Brot stets!
    Dieser fehlte noch, kann mich noch gut an alle erin­nern.

    1. Ich kann mich gut an den Spruch erin­nern, biss­chen anders aller­dings:

      Tach Herr Krause, na wie geht’s?”
      „Recht gut, ich esse Paech-Brot stets!”

      Danke, Eduard für den Hinweis, da kommt soviel Vergan­gen­heit wieder herauf. Der Geruch der alten U-Bahn, die schma­len Spruch­bän­der auf oder über Kopf­höhe, und natür­lich der Geschmack des typi­schen Bauern­bro­tes, mit Teewurscht. 1960er Jahre.

  10. Ich lebe zwar schon 50 Jahre in Austra­lien, aber die Sprü­che sind immer noch in der Erin­ne­rung von der Stra­ßen­bahn in Berlin. Der Spruch ging:
    „Mahl­zeit, Herr Krause, na wie geht’s?” ” Recht gut, ich ess Paech Brot stets.”
    Moral: Die kluge Antwort soll man loben. Wer Paech Brot ißt schwimmt immer oben.

  11. Schin­ken nützt nichts, Wurst und Ei, fehlt das Paech-Brot dir dabei.
    Moral: Dem Fleisch verfal­len oder nicht /​ auf Paech-Brot leiste nie Verzicht.

    Ach lieb Mutti, bitte, bitte, gibt mir doch noch ´ne Paech-Brot-Schnitte.
    Moral: Selbst Kinder, wenn sie noch so klein /​ nach Paech-Beot sich schon heiser schrein.

    Ganz furcht­bar schimpft der Opapa – Die Oma hat kein Paech-Brot da.
    Moral: Für Oma gilt´s wie für die Braut /​ Der Mann ist zahm, der Paech-Brot kaut.

  12. Ich fürchte, ich habe die Moral erst jetzt rich­tig verstan­den: sie gehört histo­risch zu den histo­ri­schen Werbe­sprü­chen. Dann ist meine natür­lich falsch, denn die habe ich mir nur ausge­dacht.

  13. Ach, wie wunder­schön, dass es diese Seite gibt!
    Ein Stück Lebens­ge­fühl aus den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahren stellt sich wieder ein …

  14. und der Orje fragt den Kulle: haste nich’ ‚ne Paech­brot­stulle Moral: Wer sich auf Höflich­keit versteht,der kriegt sein Brot wo er auch geht.
    Berli­ner Luft genie­ßet besser der gut gelaunte Paech­bro­tes­ser
    Moral: und hast Du mal ‚nen Freund zu Gast, er freut sich, wenn Du Paech­brot hast
    Es muß heißen: Ganz fürch­ter­lich schimpft Opapa,…

  15. Ich finde, der Brun­nen sollte wieder an seinen alten Platz, vor das Einkaufs­zen­trum. Viel Kunst gibt es nicht in Moabit. Er idt jetzt versteckt und seit einem Jahr auch ausser Betrieb. Einfach schade. Er wäre ein Blick­punkt vor dem Zentrum.

    1. Da hast Du Recht. Es wäre ja auch noch genug Platz da, den Brun­nen auf dem klei­nen, jetzt so kahlen Platz an der Ecke Birken-/Strom­straße aufzu­stel­len. Ich fürchte aber, dass es nieman­den gibt, der die Kosten dafür aufbrin­gen wird.

  16. Und der Orje fragt den Kulle:
    haste nich ’ne Paech­brot­stulle?
    Moral: Wer sich auf Höflich­keit versteht, /​ der kriegt sein Brot, wo er geht und steht.

    So habe ich den Spruch in Erin­ne­rung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.